Ein ländliches Industriegebiet rund 200 km östlich von Halifax soll einen KI-Rechenzentrumscampus mit bis zu 420 MW bekommen. EverWind Fuels gab am 16. Oktober bekannt, dass es den Campus in Point Tupper, Nova Scotia, errichten wird und dass Anthropic einen Mietvertrag über 20 Jahre unterzeichnet hat, berichtete CP24. Laut Reuters, die sich auf eine Führungskraft von Anthropic beruft, ist es die erste Rechenzentrumsvereinbarung des KI-Unternehmens in Kanada.
Zwei Phasen, 420 MW
Die erste Phase umfasst 95 MW und soll Ende nächsten Jahres in Betrieb gehen. Weitere 325 MW sollen Mitte 2028 folgen, womit der Campus auf einen Gesamtbedarf von 420 MW kommt. Das gemietete Gebäude hat 18.600 Quadratmeter; der Vertragswert wurde nicht genannt.
EverWind beziffert das Gesamtprogramm auf 10 Mrd. CAD und spricht von der größten privaten Investition in der Geschichte der Provinz: 8 Mrd. CAD für den Rechenzentrumscampus und 2 Mrd. CAD für Windenergie an Land. Das Rechenzentrum wird zunächst aus Eigenmitteln finanziert, danach sucht das Unternehmen Bank- und Pensionsfondsfinanzierung. Erwartet werden 2.000 Arbeitsplätze im Bau und 215 dauerhafte Stellen.
Erst das Netz, dann der Wind
Zur Eröffnung wird der Wind noch nicht da sein. EverWind hat Umweltgenehmigungen für vier Windparks auf dem Festland mit zusammen 650 MW, zu 51 % im Besitz eines Konsortiums von First Nations unter Führung der Membertou First Nation; laut CP24 werden sie zum Start Ende 2027 aber nicht fertig sein. Bis dahin läuft der Campus am Netz der Provinz. EverWind zufolge hat eine Studie des unabhängigen Netzbetreibers der Provinz ergeben, dass das bestehende System die Last tragen kann, und das Unternehmen will die vollen Kosten für Anschlüsse und Netzausbau übernehmen, damit andere Kunden in Nova Scotia sie nicht zahlen.
Vor Ort sind rund 200 MWh Batteriespeicher geplant. Das Kühlwasser käme aus dem Landrie Lake in einem geschlossenen Kreislauf, etwa 100.000 Liter pro Tag in der ersten Phase und rund 500.000 Liter pro Tag nach dem Ausbau.
Die Reaktionen waren gemischt. Premier Tim Houston begrüßte das Projekt und ließ erkennen, dass die Provinz auf ihre bestehenden Umwelt- und Industriegenehmigungen setzt, statt neue Regeln für Rechenzentren zu erlassen. Oppositionsführerin Claudia Chender kritisierte die fehlende Beteiligung und verlangte Schutz vor höheren Strompreisen. Jacob Glick von Anthropic sagte laut Reuters, das Unternehmen werde Stromkunden und Wasserressourcen schützen.
Ein Campus, der auf seinen eigenen Strom nicht warten kann
Das Muster kennt man aus den Projekten, über die wir in den letzten Wochen berichtet haben: Die Last kommt vor der eigenen Erzeugung, und das Netz muss die Lücke tragen. Zur Notstromversorgung sagt die Ankündigung nichts, aber an einem solchen Standort ist die installierte Netzersatzanlage, wie auch immer sie aussieht, vom ersten Tag an die einzige Quelle, die der Betreiber selbst in der Hand hat. Wie sie genehmigt, mit Kraftstoff versorgt und getestet wird, ist entschieden, lange bevor sich die letzte Windturbine dreht.
Quellen: CP24, Reuters (via The Star)